Eckpunkt_Bamberg_Orgelbau

Fein abgestimmter Genuss

Das Beste aus 2000 Jahren Orgelbaukunst

Die Konzerte für Orgel in der Bamberger Konzert- und Kongresshalle beginnen für Thomas Eichfelder meist schon dreieinhalb Stunden früher – direkt im Bauch der mächtigen Orgel. Dann ist er allein mit gut 15.000 Pfeifen und seinem hervorragenden Gehör. Stimmt das C bei Flöte 8“? Ist das A der Trompete 16“ auf dem Kammerton, wie es die Bamberger Symphoniker erwarten? Mit einem kleinen Messingkegel in der Hand bewegt sich Eichfelder durch das raumfüllende Instrument und öffnet hier oder schließt da mit vorsichtigen zarten Eingriffen die Schallöffnungen der Metallrohre und Holzkästen.
Er stimmt die Register der Orgel.

„Der Klang dieses Konzertsaales ist so überragend“, erzählt Eichfelder, „dass hier schon feinste Abweichungen hörbar sind.” Ein Orchester, dessen Qualität weltweit bewundert wird, soll sich auch bei Konzerten mit Orgel perfekt zeigen können. Und so spielt er Ton für Ton, vergleicht und korrigiert die Tonlage.

Thomas Eichfelder kam über die Musik zum Bau. Schon als 13jähriger genoss er die Vielfalt dieses Instrumentes und folgte dieser Leidenschaft zu einer Lehre als Orgelbauer. Schnell erkannte sein Meister das besondere Gehör und die Fähigkeit, das Instrument als Ganzes zu verstehen und zu spüren, und schickte ihn bis nach Athen, um Orgelneubauten zu intonieren und zu stimmen – eine Kunst für sich.

Eine Orgel ist ein multidimensionales Klangwerk, der Klang kommt von links und rechts, von oben, hinten – von überall. Aus zahlreichen Registern, die nach der Länge der größten Pfeife und dem Klangcharakter bezeichnet werden, erklingt die Musik, und der Klang jeder Orgel ist dabei einzigartig. Intonation ist beim Bau oder der Renovierung äußerst anspruchsvoll. Ebenso wie Thomas Eichfelder beherrscht diese Kunst auch seine Frau, mit der er in Bamberg die Orgelwerkstatt Eichfelder betreibt.

Vor 25 Jahren gründete er sein Unternehmen – anfangs auf nur 50 m2, seit 2004 baut er in hoher Handwerkskunst in einer 650 m2 großen Werkstatt mit Schreinerei, Holzlager, Pfeifenwerkstatt, Intonierraum und Planungsbüro.

Drei Eigenschaften machen eine Orgel aus: es braucht einen Balg oder ein Pumpensystem für die Luft, für jeden Ton eine Flöte und eine Vorrichtung zum Drücken oder Ziehen der Töne. Schon die „Hydraulis” in Alexandria erfüllte 256 vor Christus diese Voraussetzungen und gilt als Urahn dieser Instrumentengattung. Im Grunde ist eine Orgel auch heute noch ganz einfach aufgebaut: In einem Holzgehäuse, der Windlade, wird ein Luftstrom kanalisiert, „Abstrakten” – sehr dünne Holzstäbe – verbinden die Tasten des Spieltisches mit den Ventilen, deren Öffnen und Schließen den Luftstrom in die Pfeifen leitet. Diese stehen nur auf der Windlade und finden durch ihr eigenes Gewicht den nötigen Halt. Doch die große Anzahl an Pfeifen durch die vielen Register für die Klangvielfalt macht eine Orgel zu einem hochkomplexen Gebilde, zu Hightech aus Holz – gebaut mit uralten Bautechniken, wie einer intelligenten Verzahnung von Bauteilen.

Und bei Thomas Eichfelder entsteht jedes neue Instrument als Plan auf Papier, per Hand und in Originalgröße. Jede ist stets ein Unikat, da jeder Raum dafür – ob Kirche, Konzertsaal oder Wohnzimmer – einzigartig ist. Der 4-Mann-Betrieb baut daran ein gutes Jahr, aber die Intonation alleine dauert gut und gerne weitere 100 Tage. Denn wenn beim großen C bis zu 75 Pfeifen gleichzeitig einen Ton erklingen lassen, sind Erfahrung, Bauchgefühl und gute Ohren gefragt. Bei der Intonation, also der Klanggestaltung im Orgelbau, kann an jeder einzelnen Pfeife durch rund 50 verschiedene Eingriffe der Ton geformt werden. Viele Parameter müssen bedacht und beherrscht werden, um aus Handwerk ein klingendes Kunstwerk zu machen.

Auch wenn er die Orgel im Joseph-Keilbert-Saal nicht gebaut hat, so ist sie ihm doch über die Jahre ans Herz gewachsen, nicht nur durch die vielen Stunden in ihrem Inneren bei Stimmen und Wartung. Ihn begeistert die langjährige Orgelkonzertreihe, die mit drei bis vier herausragenden Konzertereignissen jedes Jahr die Magie dieses majestätischen Instrumentes erlebbar macht. Für diesen Genuss steigt er gerne sonntags in das enge Gehäuse, um dem perfekten Klang ganz nah zu sein.

„Der Klang dieses Konzertsaales ist so überragend, dass hier schon feinste Abweichungen hörbar sind.“

Eine Orgel ist ein multidimensionales Klangwerk, der Klang kommt von links und rechts, von oben, hinten – von überall.